turi2 Clubraum

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Daniel Bouhs über neue Projekte und alte Unbefangenheit.

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Familiäre Vorbelastung: "Meine erste Fest­anstellung gekündigt zu haben, war rückblickend das Beste, was ich im Job gemacht habe", sagt Daniel Bouhs im turi2 Clubraum. Der langjährige Medienjournalist und frischgebackene Redakteur mit besonderen Aufgaben des SWR, erzählt im Gespräch mit Aline von Drateln und Björn Czieslik, dass sein Weg in den Medien­journalismus schnell ein "Selbstläufer" geworden ist. Da sein Vater ZDF-Journalist war, habe er nie Berührungs­ängste mit den Medien gehabt. Seine Zeit als freischaffender Journalist, u.a. im ARD-Radio, dem Deutschlandfunk und bei "Zapp", haben ihm "Entwicklungen ermöglicht, die ich in diesem Tempo in dieser Vielfältigkeit nicht gehabt hätte". Im Live-Podcast diskutiert das Trio auch über Diversität in den Medien, den Ansturm aufs 9-Euro-Ticket und die Kommunikation von Robert Habeck.

Den SWR-Job in der Landes­­sender­­direktion Rheinland-Pfalz bei Direktorin Ulla Fiebig hat Bouhs angenommen, weil er "sehr bereit war, mal etwas Neues zu machen". Im Sender habe es "schon Fragezeichen, auch was den Stellenzuschnitt angeht", gegeben, weil er auch für journalistische Qualitäts­sicherung zuständig ist. Bouhs habe jedoch vermittelt: "Es gibt kein Qualitätsproblem", sondern nur die Herausforderung, die Qualität zu halten. Zudem befasst sich Bouhs mit digitalen Entwicklungen und will den "unbefangenen Blick" des Ex-Medien­kritikers in den eigenen Reihen einbringen. Ein weiteres Ziel sei, die "heimliche Medien­haupt­stadt Mainz" stärker zu profilieren.

Künftig kann sich Bouhs gut vorstellen, Aufgaben im Rahmen des nahenden ARD-Vorsitzes des SWR zu übernehmen. Das könnte "eine interessante Perspektive" sein, auch wenn er die ARD-Chefs nicht beneidet: "ARD-Vorsitz ist glaub ich ein irres Brett. Das geht an die Substanz." In vergangenen Gesprächen mit ARD-Chefs habe er gelernt, dass "sich einige gefreut haben, wenn die zwei Jahre auch wieder vorbei waren". Die ARD-Vorsitzende könne nicht wie im Konzern "durchregieren", sondern müsse "neun Anstalten auf einen Nenner bringen, die ja aus guten Gründen autarke Medienhäuser sind".

Dass bezüglich seines Wechsels, auch im Verbund mit der Personalie Kai-Hinrich Renner, von einem "Niedergang des Medien­journalismus" geschrieben wurde, hält er für übertrieben. Einerseits sei Medienjournalismus zwar "immer gefährdet", andererseits gebe es auch in Häusern wieder Bedarf, die ihre Aktivitäten auf dem Feld zwischenzeitlich stark heruntergefahren haben. Schuld daran sei auch die Herausforderung, "den Widerstand gegenüber Desinformation" zu leisten und Qualitäts­journalismus abzuliefern.

Der turi2 Clubraum diskutiert jeden Freitag um 12 Uhr mit einem prominenten Gast die Themen der Woche. Nächste Woche ist der Editorial Director des "Zeit Magazins" Christoph Amend zu Gast.

Ronald Focken über Shitstorms, Filterblasen und wilde Werbezeiten.

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Chief Emotional Officer: "Als Unternehmen musst du Haltung beziehen, Ecken & Kanten haben", sagt Ronald Focken im turi2 Clubraum. Der Geschäftsführer der Agentur-Gruppe Serviceplan erklärt im Gespräch mit Aline von Drateln und Pauline Stahl, dass Kommunikation dann hängen bleibt, wenn sie "gegen den Strom" formuliert wird. Angst vor Shitstorms will Focken seinen Kunden nehmen. Er erklärt etwa, wie seine Agentur einer Fast-Food-Kette geholfen hat, unberechtigte Rassismus-Vorwürfe abzuwenden. Außerdem sagt er, dass er die Arbeit von Kai Diekmann und seiner Social-Media-Agentur Storymachine "langweilig" findet und blickt in die wilden Werbezeiten früherer Jahrzehnte.

Im schnellen Kreuzverhör verrät Focken u.a., dass er sich gerne an die Ravensburger-Werbung aus seiner Kindheit erinnert, weil sie ihm dabei geholfen hat, seinen Wunschzettel für Weihnachten zu füllen. Außerdem lobt er die Werbe-Kampagnen von O2 und Mercedes und sagt, dass er für seine Mitarbeitenden als Geschäftsführer der Chief Emotional Officer sein, Vertrauen geben, motivieren und im Team vorangehen will. Und Focken verrät, dass Serviceplan sich vor Jahren dagegen entschieden hat, Werbung für die Rüstungsindustrie zu machen. Heute, angesichts des Ukraine-Krieges, würde er sich womöglich anders entscheiden – vorausgesetzt, sein Team würde die Aufgabe übernehmen wollen.

"Der Job ist viel ernsthafter, viel effizienzgetriebener geworden", sagt Ronald Focken über den Wandel der Agentur-Branche, der seiner Meinung nach schon in den 1990er Jahren angefangen hat. In seiner Anfangszeit, habe er wilde Partys noch ein bisschen mitbekommen. Damals sei es vor allem um TV-Kampagnen gegangen, aus denen sich alle anderen Werbe-Maßnahmen abgeleitet haben. Später, mit Beginn der Digitalisierung, haben sich die Aufgaben fragmentiert, sagt Focken. Heute beschäftige Serviceplan 120 unterschiedliche Berufsbilder – ganz klassische Kreativ-Köfpe aber auch Daten-Analystinnen.

Der turi2 Clubraum diskutiert jeden Freitag um 12 Uhr mit einem prominenten Gast die Themen der Woche. Nächste Woche ist der Journalist Daniel Bouhs zu Gast. Der langjährige Medienjournalist arbeitet seit diesem Jahr als Redakteur mit besonderen Aufgaben in der Landes­­sender­­direktion Rheinland-Pfalz des SWR.

Angelika Gifford über Meta und Meinungsfreiheit.

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IT-Angie: Soziale Medien sind "ein Spiegel der Gesellschaft und da passieren nicht immer nur gute Sachen", sagt Angelika Gifford im turi2 Clubraum. Die Vize-Präsidentin für EMEA bei der Facebook-Mutter Meta sagt im Gespräch mit Moderatorin Aline von Drateln und turi2-Chefredakteur Markus Trantow, dass Meinungsfreiheit für den US-Konzern "ein hohes Gut" ist. Menschen eine Stimme zu geben, sei "nicht bloß ein Poster", sondern ein "Wert, den wir Tag für Tag leben". Dabei gelte es stets, den Spagat zwischen Redefreiheit und Hate-Speech oder Fake-News zu schaffen. Zu beachten sei dabei auch der kulturelle Hintergrund: Was in Holland als schlechter Witz durchgehe, könne in Deutschland als Hassrede wahrgenommen werden. Um damit in Zukunft noch besser umzugehen, müsse Meta vor allem "transparenter kommunizieren, was wir eigentlich tun".

Gifford, die zuvor Führungspositionen u.a. bei Microsoft und HP innehatte, erzählt, dass sie 2020 vor allem wegen der "gesellschaftlichen Relevanz" des Unternehmens zu Meta gegangen ist. Auch gefalle ihr, was ihr Arbeitgeber in Sachen Metaverse und KI auf den Weg bringe: "Ich liebe Innovation". Eine der erfolgreichsten deutschen Managerinnen zu sein, habe sie nie geplant. "Ich hatte aber nie Angst, in zu große Schuhe zu schlüpfen", sagt Gifford. Anderen Frauen möchte sie damit gern als Vorbild dienen. In den 30 Jahren, die sie in der Tech-Branche unterwegs ist, "sind immer viel zu wenige Frauen im Raum". Da sei es schon mal vorgekommen, "dass ich zur Sekretärin degradiert wurde".

Für Aufmerksamkeit sorgt in Meetings häufig auch Giffords Herkunft aus Deutschland, das Kolleginnen gerne als "Fax-Republik" abstempeln. Das halte sie zwar für "nicht richtig", dennoch "müssen wir mutiger, schneller und geländegängier im Denken sein". Ein "Herzensprojekt" ist daher das Buch Die Digitale Dekade – Wie wir unsere Wirtschaft transformieren können, das Gifford im April herausgebracht hat. Auf 232 Seiten schreiben Autorinnen wie Sigrid Nikutta, Florian Haller, Achim Berg oder Brigitte Zypries ihre Ideen und Wünsche zur Digitalisierung auf. Gifford lernt daraus u.a., dass die "transformative Kraft" der Technologie auch für Nachhaltigkeit – ihr "zweites Herzensthema" – nutzbar ist.

Peter Schwierz über Neid und Newsletter.

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Elektrisierend: "Konzentriere dich auf dein Produkt", empfiehlt Peter Schwierz jeder Gründerin. Unter anderem mit dieser simplen Formel hat der ehemalige turi2-Mitarbeiter aus einem Morgen-Newsletter für E-Mobilität einen Digitalverlag mit 20 Beschäftigten und Millionen-Umsatz geschaffen. Im turi2 Clubraum bespricht der Gründer des E-Auto-Branchendienstes Electrive mit Moderatorin Aline von Drateln die Themen der Woche und schwelgt mit turi2-Verleger Peter Turi anlässlich des 15-jährigen Newsletter-Jubiläums in Erinnerungen. Schwierz war nämlich als einer der ersten Mitarbeiter dabei, als der turi2-Newsletter noch in den Kinderschuhen steckte. Damit, dass es das Format 15 Jahre später noch immer geben wird, habe keiner von beiden gerechnet. "Wir hatten viel Angst, dass der Newsletter auf Dauer nicht funktioniert", erinnert sich Turi. Mittlerweile sind sich Turi und Schwierz einig, dass sie nicht wissen, was den Newsletter ablösen sollte. Schließlich sei das der "direkte Kanal zu jeder Lesering und jedem Leser", meint Schwierz.

Trotz anfänglicher Zweifel beschließt er, sein eigenes Ding zu machen und versendet einen Newsletter für E-Mobilität. Dabei sei nicht einmal klar gewesen, "ob überhaupt das technologische Thema der Elektromobilität kommt". Während er weiterhin bei turi2 arbeitet, investiert Schwierz "mit allem, was rein kam", baut Personal auf und lässt sein Geschäft wachsen. Sein Tipp: "Mit Beharrlichkeit anfangen und Stück für Stück das Baby entwickeln." Sobald "gutes Personal" und ein "funktionierendes Team" da waren, habe er Loslassen müssen. "Da habe ich eine Weile für gebraucht", gibt Schwierz zu. Doch nur so könne er sich wieder mehr auf das Produkt und "Dinge rechts und links davon" kümmern.

Dazu gehört zum Beispiel die Entwicklung weiterer Formate, etwa eine monatliche Online-Konferenz zu bestimmten Themen der E-Mobilität. Von einem eigenen Podcast kann Turi ihn allerdings nicht überzeugen – ein Medium, mit dem Schwierz bisher "nicht warm geworden" ist. Mit einem Print-Produkt liebäugelt er hingegen schon und gibt zu, etwas "neidisch" auf die "schönen Print-Editionen" von Peter Turi zu sein.

Der turi2 Clubraum diskutiert jeden Freitag um 12 Uhr mit einem prominenten Gast die Themen der Woche. Nächste Woche kommt Angelika Gifford, die Europa-Chefin bei Facebook und seit 2021 EMEA-Vizepräsidentin von Meta ist.

Isabell Beer: “Diversität bedeutet auch, Menschen ohne Studium in der Redaktion zu haben.”

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Jung und gar nicht naiv: "Du bist sehr jung", "du bist ne Frau", "geh doch erst mal studieren" – diese Argumente hat Isabell Beer schon häufig gehört. Im turi2 Clubraum mit Markus Trantow und Annkathrin Weis erzählt sie von ihrem mitunter steinigen Weg in den Investigativjournalismus. Ähnlich wie ihr Vorbild Günter Wallraff recherchiert sie undercover, aber nicht in Fabrikhallen, sondern im Netz: Unter falschem Profil begegnet sie Voyeuristen, bekennenden Vergewaltigern, Drogenkonsumenten – und ist auch schon bedroht worden. "Während Recherchen kann es sein, dass ich auch mal paranoid werde", gibt sie zu. Noch heute kontrolliert sie Hotelzimmer und öffentliche Toiletten auf Kameras und überlegt, wo sie sich in der Bahn hinsetzt.

Auf den Journalismus kommt sie erst mit 18 Jahren, davor wollte sie Schreinerin werden. Sie beginnt mit Praktika und freier Mitarbeit bei den "Nürnberger Nachrichten" und macht ein Volontariat bei der Boulevard-Zeitung "Berliner Kurier". Heute arbeitet sie in einem Investigativteam für das öffentlich-rechtliche Content-Netzwerk funk. Dass sie nie studiert hat, haben Arbeitgeber ihr immer wieder vorgehalten. "Einfach nur falsch", findet das Beer. Diversität bedeute auch, Menschen ohne Studium in der Redaktion zu haben – schließlich wollten Medien auch "nicht nur Menschen erreichen, die aus einem akedemisierten Umfeld stammen".

Dazu fordert Beer auch eine andere Sprache. "Wir sollten Journalismus in einfacher Sprache nicht Leuten wie der 'Bild'-Zeitung überlassen", ist ihre These, der auch Trantow und Weis zustimmen. Der turi2-Chefredakteur beobachtet, dass es gerade jungen Journalistinnen mitunter schwer fällt, einfache Sätze zu schreiben, sie seien oft "zu verkopft". "Die Beschäftigung mit Boulevardzeitungen kann hilfreich sein", rät Beer mit Blick auf ihre Volo-Erfahrung.

Investigativer Journalismus ist aus Beers Sicht leider der Teil der Branche, der immer noch am wenigsten divers ist. Frauen sind in der Unterzahl und vielen Teams gar nicht vertreten. Nicht, weil sie keine Lust dazu haben, sondern weil der Einstieg schwer ist, so ihre Erfahrung. Dabei lobt sie, was Frauen in den Journalismus eingebracht haben: Eine neue Fehlerkultur, die Aufarbeitung struktureller Probleme wie in der #metoo-Debatte und einen sensiblen Umgang mit Traumatisierten.

Dazu gehöre es auch, Menschen nicht aufgrund ihres Aussehens Eigenschaften zuzuschreiben. Beer hat wegen ihrer Piercings, Tattoos und Sitecut früher immer mal wieder Ablehnung erfahren. Vorgesetzte rieten ihr etwa, für Politiker-Interviews den Piercing rauszunehmen. "In den letzten Jahren hat sich da viel verändert", sagt Beer. Geholfen habe, dass viele junge Journalistinnen öffentlich gemacht haben, was zu ihnen gesagt wurde. Kommentare über ihr Aussehen sind Beer jedoch, wie sie sagt, egal – homophobe Äußerungen treffen die queere Journalistin schon eher.

Der turi2 Clubraum diskutiert jeden Freitag um 12 Uhr mit einem prominenten Gast die Themen der Woche. Nächste Woche sind es anlässlich der turi2-Newsletter-Wochen turi2-Gründer Peter Turi und Peter Schwierz, Digital-Verleger des E-Mobility-Branchendienstes Electrive.

Oliver Wurm über das Grundgesetz und Gedichte: "Der schönste Text, den ich jemals bearbeiten durfte"

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Druck von allen Seiten: Das Grundgesetz als Magazin herauszubringen, war definitiv die verrückteste Idee, die Independent-Verleger Oliver Wurm jemals hatte, erzählt er Pauline Stahl und Markus Trantow im turi2 Clubraum. "Diejenigen, die damals gesagt haben, 'das wird funktionieren', kann ich an einer Hand abzählen – und da bin ich selbst viermal dabei." Das Risiko, dafür einen sechsstelligen Kredit aufzunehmen, habe sich allein deshalb schon gelohnt, weil das Grundgesetz "der schönste Text ist, den ich jemals bearbeiten durfte" – und am Ende wartete auch noch das Bundesverdienstkreuz auf den Verleger. Ein "derzeit großer Flop" in seinem Sortiment ist hingegen die Bibel, die er als Neues Testament als Magazin an die Kioske gebracht hat.

Der Erfolg seiner Hefte sei eben oftmals abhängig von Krisen und Skandalen, erzählt Wurm im Podcast. Als die argentinische Fußball-Legende Diego Maradona starb, war das zwar gut für die Verkaufszahlen des Biographie-Magazins, aber erschütternd für den Fußball-Fan. Mit dem Sammelbildchen-Anbieter Panini produziert er seit Jahren regionale Stickeralben. Das Geschäft mit den Sticker-Alben zur Fußball-EM in Deutschland haben die Italiener an Topps aus den USA verloren. Doch Wurm ist sich sicher: "Der Kult um Panini ist auch durch den Rechteverlust unkaputtbar". Dem können seine Gesprächspartner Pauline Stahl und Markus Trantow zustimmen – auch, wenn sie selber keine Fußball-Fans sind.

Zu einer seiner jüngsten Ideen, dem Magazin Dreizehn +13 Gedichte, wurde Wurm von Gerhard Schröder inspiriert – "auch, wenn es schlecht gealtert ist", dies zu erzählen. Dessen Frau Soyeon Schröder-Kim hatte im zweiten Lockdown ein Instagram-Video hochgeladen, in dem der Altkanzler Rainer Maria Rilkes Gedicht "Herbsttag" rezitiert. Es habe ihn "regelrecht angemacht", wie passend und aktuell dieses Gedicht auf die heutige Zeit passt, erzählt Wurm – und deshalb 13 klassische Werke und ebenso viele zeitgenössische Gedichte in ein Heft gepackt.

Wurm vereint mit seinen Magazinen viele Leidenschaften. "Ich arbeite zu viel, ich arbeite zu hart, und brauche dringend eine Pause, sonst frisst mich die Arbeit auf", wird ihm immer wieder bewusst. Ausgleich findet er im Meditieren, Wandern und in der Familien-Chat-Gruppe, die ihn immer mit dem besten Klatsch aus seinem Heimatdorf versorgt.

Der turi2 Clubraum diskutiert jeden Freitag um 12 Uhr mit einem prominenten Gast die Themen der Woche. Nächste Woche macht der Podcast Oster-Pause, in zwei Wochen ist dann die Investigativjournalistin Isabell Beer zu Gast. Sie spricht über ihre Arbeit und die Themen der Woche mit turi2-Chefredakteur Markus Trantow und seiner Co-Hostin Annkathrin Weis, die man aus dem "Journalist"-Podcast "Druckausgleich" kennt.

“Storymachine ist ein selbstreinigender Organismus” – Philipp Jessen über Ohrfeigen und Home-Office-Ohnmacht.

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Wahrhaft authentisch: Um bei der PR-Agentur Storymachine arbeiten zu können, "musst du speziell sein, aus diversen Gründen“, sagt Co-Gründer und Geschäftsführer Philipp Jessen im turi2 Clubraum mit Aline von Drateln und Markus Trantow. Die Agentur, die er zusammen mit Kai Diekmann und Michael Mronz führt, gibt sich fünf Jahre nach ihrer Gründung noch immer ziemlich geheimniskrämerisch. Nur selten dringt der Name eines Kunden an die Öffentlichkeit. Der frühere Chefredakteur von "Bravo", gala.de und stern.de kann es aber gut verkraften, seine Erfolge im Stillen zu feiern. "Ich empfinde mein Ego nicht als übergroß", sagt Jessen – auch auf die Gefahr hin, dass seine Kolleginnen bei dieser Aussage "lachend vom Stuhl fallen".

Erfolgreiche PR-Arbeit fängt für ihn schon vorm Abschluss eines Vertrags an. "Ich kann nicht für jemanden arbeiten, wenn ich das Produkt oder die Person total ätzend finde." Und natürlich muss er als Chef dafür auch die richtigen Angestellten nach Berlin holen. Seine Agentur empfindet er als "selbstreinigenden Organismus", der die Leute wieder ausspuckt, die nicht dazupassen. Wenn es passt, dann entstehen die besten Ideen immer noch bei "vor Kreativität überlaufenden Teammeetings" – und die gebe es nunmal nicht im Homeoffice. Jessen befürchtet einen "Leistungsabfall", wenn Agentur-Mitarbeitende gar nicht mehr ins Büro zurückkehren. Moderatorin Aline von Drateln, die wegen Corona zurzeit an den heimischen Schreibtisch gefesselt ist, würde sogar Geld dafür zahlen, "um dieser Home-Office-Hölle zu entkommen".

Der Erfolg der Agentur ist für Jessen nicht selbstverständlich. "Ich werde fast Will-Smith-aggressiv, wenn Leute sagen: 'War klar, dass das mit Storymachine funktioniert.'" Nach seinem Abschied von Gruner + Jahr habe er zunächst alleine in einem Co-Working-Space am Görlitzer Park gesessen, in einem Büro, in dem es dank verstopfter Rohre nicht wirklich appetitlich gerochen hat. Bis heute sei "jeder Tag ein Kampf".

Apropos Will Smith: Dem ohrfeigenden Schauspieler würde er dringend raten, seinen Oscar selbst zurückzugeben, bevor er dazu aufgefordert wird. turi2-Chefredakteur Trantow findet, die Academy hätte ihm den Preis an dem Abend gar nicht erst geben dürfen. In Smiths Dankesrede erkennt Jessen Anzeichen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Aline von Drateln sieht in dessen Verhalten typisch toxisches Männlichkeits-Gehabe, das im schlimmsten Fall zu Gewalt gegen die eigene Ehefrau führt.

Apropos toxische Männlichkeit: Das Trio spricht im Podcast außerdem über die "Zwangsmaus"-Debatte um Julian Reichelt, kritische Berichterstattung über Storymachine und über Authentizität als Schlüssel für gute PR-Arbeit – oder wie Philipp Jessen sagen würde, "Wahrhaftigkeit". "Ich hasse das Wort 'authentisch'. Wenn ich zu Hause in Boxershorts 'Love Island' gucke und Schoko-Crossies esse, ist das auch authentisch. Aber das interessiert keinen.“

Der turi2 Clubraum diskutiert jeden Freitag um 12 Uhr mit einem prominenten Gast die Themen der Woche. Nächste Woche ist Oliver Wurm zu Gast, Verleger des Grundgesetz-Magazins und Träger des Bundesverdienstkreuzes.

“Ich bin ein Marketing-Opfer” – Verena Gründel über Gummibärchen und gelb-blaue Logos.

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Werben & Vertrauen: Unternehmen werden künftig wieder weniger Geld in Social-Media-Werbung stecken, weil sich das geringe Vertrauen in die Plattformen negativ auf ihre "Brand Safety" auswirkt, sagt Verena Gründel im turi2 Clubraum. Die Chefredakteurin des Branchenmagazins "Werben & Verkaufen" erläutert im Gespräch mit Aline von Drateln und Markus Trantow, dass für Marken "Effektivität" ein wichtiger Key-Performance-Indicator ist – und der sei umso geringer, je schlechter das Image des Werbeumfelds ist. Deswegen würden Marketing-Abteilungen langfristig wieder mehr Budget für klassische Medien aufbringen. Trantow würde Gründel gerne zustimmen, befürchtet aber, dass am Ende nur "die Zahlen zählen".

Aline von Drateln, die im Podcast ihre Vergangenheit als Philadelphia-Engel enthüllt, will von Gründel wissen, wie sich die Branche in den vergangenen Jahren verändert hat. "Werbung ist immer demokratischer geworden", so die "W&V"-Chefredakteurin. "Die Kunden können mit ihrem Feedback direkt Einfluss nehmen." Marken können mit Haltung punkten, indem sie "die Rolle des Identitätsgebers" übernehmen in einer immer komplexer werdenden Welt. Anders als die Konkurrenz hat sich W&V aber aktuell bewusst dagegen entschieden, das Logo in den Farben der Ukraine einzufärben. "Wenn wir unser Logo gelb-blau anstreichen, machen wir die Welt nicht besser."

"Grenzwertig" findet die Gründel Werbung, die sich direkt an Kinder richtet, sagt sie im Clubraum. Trotzdem zählt eine Werbung des Gummibärchen-Herstellers Haribo zu ihren Lieblingsspots. Sie sei eben auch nur ein "Marketing-Opfer".

Das Trio spricht im Podcast auch über Fridays For Future, die diese Woche die Musikerin Ronja Maltzahn von einer Veranstaltung in Hannover ausgeladen haben, weil sie als weiße Sängerin Dreadlocks trägt. turi2-Chefredakteur Markus Trantow begrüßt zwar den sensiblen Umgang mit anderen Kulturen, vor allem solchen, die von Unterdrückung betroffen sind. Er würde aber eine Linie zwischen "kulturellem Austausch" und kultureller Aneignung ziehen. Aline von Drateln weist daraufhin, dass die Runde als Nicht-Betroffene keine Bewertung vornehmen sollte. Werbeexpertin Gründel kann aber aus Marketing-Sicht resümieren: "Die Marke Fridays For Future hat sich mit dieser Diskussion keinen Gefallen getan."

Der turi2 Clubraum diskutiert jeden Freitag um 12 Uhr mit einem prominenten Gast die Themen der Woche. Nächste Woche ist Philipp Jessen zu Gast, Co-Gründer und Geschäftsführer der PR-Agentur Storymachine.

“Gendern kann nerven und zugleich sinnvoll sein” – Judith Barbolini über Polarisierung und gute Nachrichten.

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Aufreger-Sterne: Gendern triggert viele Menschen, weil es gesellschaftliche Probleme an die Oberfläche bringt, sagt Judith Barbolini vom Rheingold-Institut im turi2 Clubraum. Sie hat vor Kurzem eine Studie geleitet, die gezeigt hat, dass mehr als die Hälfte der jungen Menschen in Deutschland von Sternchen, Unterstrichen und der Debatte im Allgemeinen genervt ist. Geschlechtergerechte Sprache führe einen "Stellvertreterkrieg" gegen Probleme wie Rassismus oder Sexismus, sagt die Studienleiterin. Zudem können vor allem Männer die Bedeutung des Genderns noch nicht richtig einschätzen. Sie fühlen sich dadurch "in ihren Domains beschnitten" und haben das Gefühl, "aus ihren Rollen gedrängt" zu werden.

Barbolini fühle sich seit der Untersuchung vom generischen Maskulinum nicht mehr angesprochen, erzählt sie Aline von Drateln und Markus Trantow. Über manche Worte stolpere die Studienleiterin allerdings noch, beispielsweise über "Gästin". Es höre sich in ihren Ohren noch "falsch" an und sei damit eher "ein Störer als ein Zeichen für Toleranz". Sollten Medien und Unternehmen nun gendern oder nicht, fragt der Chefredakteur von turi2. "Es kommt drauf an", entgegnet Barbolini. Bei dem Thema gebe es keine klare Handlungsanweisung, da das Gendern selbst noch keine klaren Regeln hat. Allerdings komme geschlechtergerechte Sprache bei jungen Menschen prinzipiell gut an: "Auch wenn es einen nervt und ärgert, heißt das nicht, dass man es nicht als sinnvoll erachten kann." Vor allem im Jobkontext gehöre es mittlerweile "zum guten Ton".

Das Trio spricht im Podcast auch über die aktuelle Nachrichtenlage, in der fast ausschließlich negative Schlagzeilen dominieren. Das verstärkt die "Lähmungserscheinungen" der Pandemie, weil wir das Gefühl haben, "dass wir uns gar nicht mehr freuen dürfen", sagt Barbolini. Trantow bestätigt, dass er sich in einer dauerhaften "Alarmstimmung" befindet. Moderatorin Aline von Drateln sieht das Grundproblem in der Journalistenausbildung, in der der Leitspruch "only bad news are good news" vermittelt wurde. Alle sind sich einig, dass Medien Handlungsanweisungen geben müssen, um positiv durch die Krise zu kommen.

Ähnlich sieht es beim Umgang mit der russischen Bevölkerung aus. Trantow findet, die Sanktionen gegen Russland dürften sich nicht gegen die Kultur und das Volk selbst wenden. "Wir sollten die Tore zur russischen Zivilgesellschaft weit öffnen", damit ein Austausch stattfinden kann. Er findet es falsch, wenn beispielsweise russische Künstlerinnnen oder Komponisten aus Orchestern verbannt werden. Drateln stimmt zu, sagt aber: Bei einem Auftritt der Sopranistin und Putin-Anhängerin Anna Netrebko könnte sie nicht "mit gutem Gewissen in der Pause Piccolo schlürfen".

Der turi2 Clubraum diskutiert jeden Freitag um 12 Uhr mit einem prominenten Gast die Themen der Woche. Kommende Woche ist Verena Gründel zu Gast, die Chefredakteurin des Branchenmagazins "Werben und Verkaufen".

“Kampagnen auf den Krieg aufzubauen, ist falsch” – Uwe Vorkötter über Haltungsmarketing und Zeitungs-Zukunft.

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Haltung zeigen: "Junge Medien­schaffende können besser und einfacher eine Reichweite aufbauen", sagt "Horizont"-Herausgeber Uwe Vorkötter im turi2 Clubraum. Im Live-Podcast mit Moderatorin Aline von Drateln und turi2-Chefredakteur Markus Trantow bescheinigt der langjährige Zeitungs-Chefredakteur jungen Journalistinnen ein besseres Gefühl für "zeitgeistige Themen", kritisiert aber, dass heute "Präzision in der Recherche" fehle. Eine gewisse "Tunnelblick-Recherche" bezeichnet Vorkötter als "einer der gravierendsten Fehlentwicklungen im Journalismus". Dass es vielen Zeitungen heute schlechter geht als noch vor 20 Jahren habe jedoch woanders seine Wurzeln. Wer heute noch eine Print­zeitung mache, müsse sie "nochmal ganz neu denken". Stattdessen werden die meisten Zeitungen noch genau so gemacht, "wie vor 20 Jahren".

Vorkötter kritisiert auch andere Entwicklungen in der Medien­branche, etwa die Abschaltung von Russia Today und Sputnik im Zuge des Kriegs in der Ukraine. Er habe für die Sperrung der russischen Propaganda "emotional" zwar Verständnis, finde es aber trotzdem "falsch und unnötig". Artikel 5 im Grundgesetz ist "nicht teilbar", sagt Vorkötter. "Da steht, eine Zensur findet nicht statt – das Verbot von Medien ist Zensur." Schwieriger findet er die Debatte zur deutschen Bericht­erstattung über den Krieg. Trantows These, Journalismus dürfe auch im Krieg "die Welt nicht in Gut und Böse teilen", stimmt Vorkötter nur bedingt zu. Zwar sei es sein Job als Journalist kritisch zu sein, in diesem Fall könne er aber keine "Schein­objektivität einnehmen, weil Gut und Böse so offensichtlich sind".

Stellung zu dem Angriffskrieg zu beziehen, findet der Journalist auch für große Unternehmen legitim. Haltungs­marketing ist nichts neues, sagt Vorkötter. Die "richtig großen Marken­geschichten" hatten etwas mit Politik oder wichtigen "Zeitgeist-Phänomenen" zu tun, etwa die Schockfoto-Kampagne von Benetton. Entscheidend sei, ob eine Marke eine Haltung hat und die für ihr Marketing nutzt oder umgekehrt. Klassische Kampagnen auf den Krieg aufzubauen, "ist jedoch der falsche Weg".

Der turi2 Clubraum diskutiert jeden Freitag um 12 Uhr mit einem prominenten Gast die Themen der Woche. Am kommenden Freitag ist Judith Barbolini, Geschäfts­führerin des Markt­forschungs­instituts Rheingold, zu Gast.

Über diesen Podcast

turi2 Clubraum ist der neue Live-Podcast für Medien, Wirtschaft und Politik. Ab 19. November laden wir die turi2-Commmunity immer freitags von 12-12.30 Uhr zur Debatte ein. Aline von Drateln diskutiert mit einem prominenten Gast und einem Mitglied der turi2-Redaktion die Themen der Woche.

Den Podcast gibt es Live via Clubhouse und im Anschluss hier als Podcast. Mehr Infos: turi2.de/clubraum

von und mit Aline von Drateln & turi2 Redaktion

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